| Von Dr. med. univ. Peter
H. Lauda
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Arzt für Allgemeinmedizin
FREIE RADIKALE
Auf der Suche
nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner von Krankheiten und den mit ihnen
Hand in Hand gehenden Stoffwechselveränderungen landet man früher
oder später bei der Biochemie der Zelle. Die moderne Medizin konnte
in diesem Bereich zwar jede Menge Detailwissen anhäufen, aber ein
„Prinzip Krankheit“ vermochte bisher nicht zu definiert
werden. Inzwischen hat sich die Lage aber geändert und man ist
Prozessen auf der Spur, in die eine ungeahnte Vielzahl von Krankheiten
einmündet bzw. aus denen sie entsteht. Möglicherweise hat
man dabei sogar das gemeinsame Entstehungsmuster aller Krankheiten entdeckt.
Stoffwechselprozeße sind nichts anderes als komplexe biochemische
Reaktionsabläufe. Und wie in jedem anderen chemischen Betrieb kann
es zu Unregelmäßigkeiten bzw. Betriebsunfällen kommen.
Erst in den letzten Jahrzehnten erkannte man, daß das grundsätzliche
Muster dieser chemischen Unfälle immer gleich ist. Die Ursachen
und Krankheitsbilder mochten dabei noch so unterschiedlich sein, sie
alle entstanden nach einem einheitlichen Prinzip aus biochemischen Entgleisungen.
In sehr vielen Fällen sind die Verursacher dieser Betriebsunfälle
sehr aggressive Substanzen, die sogenannten Freien Radikale. Um die
Wirkungsweise dieser Substanzen nachvollziehen zu können, muß
man seine chemischen Grundkenntnisse etwas strapazieren:
Atome bestehen aus einem Kern mit positiv geladenen Teilchen (Protonen)
und einer Hülle aus ebenso vielen negativ geladenen Teichen (Elektronen).
Die gleichfalls im Kern vorhandenen neutralen Teilchen (Neutronen) können
hier unberücksichtigt bleiben. Die Elektronen befinden sich auf
unterschiedlichen Energiestufen im Kraftfeld des Atomkerns. Modellhaft
stellt man sich eine Anordnung der Elektronen auf unterschiedlichen
Schalen (K-, L-, M-Schale usw.) vor. Entscheidend für die Bindungseigenschaften
eines Atoms ist, ob die äußerste Schale vollständig
mit Elektronen aufgefüllt ist oder nicht. Dabei kann die äußerste
Schale nie mehr als acht Elektronen fassen, die jeweils paarweise geordnet
sind. Bei den Atomen der Edelgase sind die äußersten Elektronenschalen
stets mit vier Elektronenpaaren besetzt, also komplett. Man spricht
von einer Edelgaskonfiguration. Die Atome der Edelgase nehmen deshalb
weder Elektronen auf, noch geben sie welche ab. Derartige Stoffe sind
chemisch stabil und indifferent.
Bei den Atomen aller anderen Elemente ist die äußerste Schale
mit weniger als acht Elektronen besetzt und daher nicht stabil. Durch
Elektronenaustausch mit anderen Elementen suchen diese nun ebenfalls
die Edelgaskonfiguration mit vier Elektronenpaaren auf der äußersten
Schale zu erreichen. Das ist nämlich, energetisch gesehen, die
ökonomischste Form. Auf dem Bestreben, diese zu erreichen, und
auf dem dadurch bewirkten Elektronenaustausch beruhen alle chemischen
Reaktionen. Hierbei kann ein Atom bzw. Molekül zwei Wege gehen:
1. Ein Atom gibt ein oder mehrere Elektronen an einen Partner ab, man
nennt dies Ionenbindung. Ein Beispiel hierfür ist die Ionenbindung
bei NaCl (Kochsalz). Diese reaktion verläuft moderat, das entstandene
NaCL-Molekül ist stabil.
2. Die zweite Bindungsmöglichkeit ergibt sich durch gemeinsame
Nutzung eines Elektronenpaares, man nennt diese Form der Bindung Atombindung.
Das Elektronenpaar kreist z. B. beim Chlormolekül (Cl2) nicht um
einen Kern, sondern beschreibt eine Acht um beide Atomkerne. Nun können
Ereignisse eintreten, bei denen die vorliegenden Verbindungen wieder
gespalten werden. Bei Trennung einer Ionenbindung erhält man ein
positiv und ein negativ geladenes Ion. Ionen haben - vergleichsweise
- kein allzu großes Bestreben, eine neue Bindung einzugehen. Wird
hingegen das Chlormolekül gespalten, dann nehmen dessen Atome ihr
einzelnes Elektron wieder an sich. Das jetzt vorliegende Atom ist wegen
der Elektronenlücke in seiner äußersten Elektronenschale
sehr reaktionsfreudig: es wird zum Freien Radikal und benimmt sich wie
ein Räuber. Es holt sich von dem nächstbesten Atom oder Molekül
ein Elektron. Dabei ist es diesem Radikal völlig egal, ob es sich
dabei um ein Protein oder eine Fettsäure handelt und ob die Reaktion
irgendeinen biologischen Sinn hat. Das „bestohlene“ Atom
bzw. Molekül wird dadurch selbst zu einem Freien Radikal und geht
seinerseits auf Jagd nach einem Elektron. So entsteht eine Kettenreaktion
und jedes betroffene Teilchen wird dadurch zum chemischen „Krüppel“.
Es wird ohne jeglichen Sinn in seiner Struktur geändert und ist
damit in aller regel für seine eigentliche Aufgabe unbrauchbar
geworden. Die Freien Radikale sind so etwas wie die Raubritter im Staat
der Moleküle und verursachen bei ihrer Elektronensuche viel Unruhe.
Man kann sie - im weitesten Sinne - als Schadstoffe ansehen, die mit
ihren blinden Attacken geordnete großmolekulare Strukturen wie
Eiweiße, Fette und Nukleinsäuren zerstören. Raffinierterweise
nutzt unser Abwehrsystem die gleichen Radikale, um die ebenso empfindlichen
Strukturen der Bakterien und Viren zu zerstören. Demzufolge können
Freie Radikale Krankheiten bekämpfen aber ebenso auslösen.
Ob ihr Nutzen oder ihr Schaden überwiegt, ist von Fall zu Fall
unterschiedlich.
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